Schenken und beschenkt werden

Ursprünglich hatte ich für diesenText den Titel »Mein letzter Wille« gewählt. Aber da ich mir wünsche, dass möglichst viele Empfänger[1]dieses Blogs meine Überlegungen lesen, habe ich die Änderung vorgenommen. Denn die meisten Menschen empfinden eine Abneigung dagegen, sich mit ihrem Tod und ihrem Sterben auseinanderzusetzen. Es soll in diesem Text um das Thema Erben und Vererben gehen. Dabei geht es auch um (Ver-)Schenken, aber um den Nachlass nach dem eigenen Tod.

Wir möchten Sie dazu ermutigen, sich damit zu beschäftigen, da so viel Leid in Familien vermieden werden kann.

In dem rheinhessischen Dorf, aus dem ich stamme, wurden etliche Familien während ihrer Erbschaftsprozesse zerrüttet, obwohl jede den Ausspruch kennt:

„Seid ihr euch noch einig oder habt ihr schon geerbt?“

In diesem Spruch steckt viel Weisheit und Lebenserfahrung. Denn Vererben und Erben sind schwierige zwischenmenschliche Prozesse. Bis zum Jahr 2020 werden in Deutschland rund 7,7 Millionen Menschen eine Erbschaft antreten – und häufig dürfte es dabei zu Konflikten kommen. Noch nie wurde so viel vererbt wie heute: 2,6 Billionen € werden bis zu dem genannten Jahr den Besitzer wechseln, so eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge. Doch nur jede vierte Bundesbürgerin hat ihren letzten Willen in Form eines Testaments festgelegt. Familiendramen und Streitigkeiten sind damit vorprogrammiert. Aber auch Testamente der Erblasser sind häufig nicht für alle Beteiligten zufriedenstellend. Jede sechste bis siebte Erbschaft führt dennoch zu Streit, nicht wenige landen vor Gerichten. Unsere Sprache fokussiert mit dem Begriff »Mein letzter Wille« die Sichtweise, dass der Wunsch der Erblasserin der zentrale Wert im Erbschaftsprozess sei. Die Erfahrungen von Erben zeigen aber, dass der letzte Wille, welcher im Testament zum Ausdruck gebracht wird, erst den Anfang des Problems darstellen kann und oft den Beginn der Erbschaftsstreitigkeiten markiert.

Der erfahrene Jurist Klaus Michael Groll, einer der bekanntesten Erbrechtler Deutschlands, konstatiert: „Beim Erben zeigt sich der Charakter der Menschen“! Nach fast 40 Berufsjahren kennt er die Dramen rund um den Nachlass: „In der Regel sind Erbstreitereien unter Geschwistern wesentlich brutaler als Scheidungsdramen.“ Seine Erfahrung: „90 Prozent der letztwilligen Verfügungen sind unklar, unvernünftig oder gar unwirksam.“ Ein Testament müsse gut durchdacht sein. Auch andere Erbrechtlerinnen stellen fest, dass jede Beratung eigentlich auch eines Psychologen bedarf: Die Beraterinnen – Juristen wie Psychologinnen – müssen hineinhören in die Ehe, in die Beziehung zu den Kindern, in die Beziehung zu den Schwiegerkindern. „Viele wissen ja gar nicht, welche Gestaltungsmöglichkeiten und Modelle es gibt. Ein Testament ist immer wie ein Maßanzug für diesen Menschen, für diese Ehe, für diese Familie.“
Dazu gehörten immer auch die Fragen: Wie kann man Streitereien in einer Erbengemeinschaft vermeiden? Wo liegen die Tücken beim Pflichtteil? Gibt es Möglichkeiten, Schwiegerkinder vom Erbe auszuschließen? Welche Steuerfallen sind zu beachten?
Ein kluges Testament verfolge letztlich fünf Ziele – so Erbrechtler Groll: „Gerechtigkeit üben, juristische Klarheit schaffen, das Vermögen schützen, Steuern sparen, Frieden stiften.“ Seine Mahnung: „Kein Testament aufzusetzen, ist lieblos. Die Haltung ´Nach mir die Sintflut` ist ein Akt der Kulturlosigkeit gegenüber den Nachkommen. Es kann einem doch nicht gleichgültig sein, ob das sauer verdiente Geld vor Gericht verbraten wird.“

Im Institut in der Waldspirale (IWSP), Darmstadt, bieten wir systemische Erbschaftsberatung an. Ich begleite Sie und Ihre Familie als Familientherapeut durch den Prozess der Testamentsgestaltung, aber auch (notfalls) bei der Einigung von Erbparteien bei Konflikten. Ebenso unterstützen wir Erbengemeinschaften.

Die Konzeption der »Systemischen Erbschaftsberatung« arbeitet mit Methoden und Konzepten des systemischen Ansatzes in Familienberatung und –Therapie. Systemisches Vorgehen bedeutet, dass sich die beteiligten Parteien zusammensetzen.

Wir arbeiten bedürfnisorientiert: Im Prozess der Testamentsgestaltung sollen möglichst alle betroffenen Personen zu Wort kommen und auch gehört werden. Erfahrungsgemäß geht es dabei nicht nur um Geld, sondern auch um Liebe. Beim Erben kommt jeder Beteiligte mit seinem inneren Bedürfnissystem in Kontakt. Es entstehen oft Gefühle von Neid und Konkurrenz, Mangelerfahrungen werden mobilisiert. Erbschaftsprozesse sind emotional nicht einfach: Die Erblasserin wird mit ihrer eigenen Endlichkeit in Berührung kommen. Oft hat sie oder er das Bedürfnis, einen oder mehrere Erben im Nachhinein für ihr Wohlverhalten belohnen zu wollen oder andere aufgrund von zu geringer emotionaler Zuwendung zu disziplinieren. In jedem Familiensystem bestehen emotionale Disbalancen, fühlen sich Söhne oder Töchter benachteiligt. Erbstreitigkeiten vor Gerichten sind seelisch wie materiell sehr teuer, ja schädlich. Nicht selten werden streitende Erben während eines langen Gerichtsverfahrens körperlich oder seelisch krank. Unsere Erbschaftsberatung unterstützt Familien dabei, dies zu verhindern und konfliktfrei zu erben und zu vererben.

Vielleicht habe ich Ihr Interesse geweckt mit unserem neuen Angebot.

Dr. Peter Held

Klaus Michael Kroll: <http://www.deutschlandfunkkultur.de/konfliktfrei-vererben-und-erben.970.de.html?dram:article_id=229519>,letzter Zugriff 04.11.2017.

[1]  Um eine Gleichbehandlung beider Geschlechter zu ermöglichen, werde ich die männliche und die weibliche Form abwechselnd verwenden.