Auf den ersten Blick

Die Formulierung: »Auf den ersten Blick« erinnert uns an die oft diskutierte Frage: Gibt es sie, die Liebe auf den ersten Blick? Eine Viertelsekunde, Auge in Auge, soviel reicht nach den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft schon aus, um sein eigenes Schicksal zu besiegeln – und sich (dauerhaft) zu verlieben. Das Herz macht Sprünge, die Knie werden weich, die Haut schwitzt, der Kopf surrt, Hormone durchfluten den Körper. Verliebt sein ist ein großartiges Gefühl, romantisierend, energetisch und grenzüberschreitend. Die Liebe auf den ersten Blick ist eine wunderbar alters- und zeitlose Empfindung, die seit Ewigkeiten Menschen in Wallung bringt.

Etwa die Hälfte aller Liebesbeziehungen startet als „Liebe auf den ersten Blick“. Die anderen 50 Prozent der Fälle entwickeln sich allmählich, so die Wissenschaftlerinnen[1].

Als systemischer Paartherapeut, der viele Ideen des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung in seine vielfältigen Anwendungsfelder von Beratung und Psychotherapie einbringt, glaube ich, dass bei der „Liebe auf den ersten Blick“ in allererster Linie die »Intuition« eine große Rolle spielt. Nach C.G. Jungs Verständnis ist die Intuition einer der vier sogenannten »Orientierungsfunktionen« des Menschen. Außer durch die Intuition, orientieren wir uns noch durch die »Denkfunktion«, das »Fühlen« und die »Empfindung« in der sozialen Welt. Jeder hat in der Regel zwei bevorzugte Anpassungsfunktionen, mit denen er sich in der Welt seinen Standpunkt sucht und die Richtung seines Lebensweges festlegt. Der intuitive Typ orientiert sich mittels der Erfassung von Ganzheiten und spontanen Eingebungen, er oder sie konzentriert sich darauf, was in einer Situation los ist oder was im Kontakt mit einer Zeitgenossin relevant sein könnte. Das »Denken« ist eine Orientierungsfunktion, die über eine geschlossene begriffliche Ordnung der Welt verfügt, die auch einer speziellen Leitidee untergeordnet sein kann. Jedes Ding oder Ereignis hat in einem solchen System seinen Platz und erfährt einen entsprechenden Umgang. Die Funktion des »Fühlens« wird gerne mit dem Symbol des Herzens verbunden. Durch sie wird einem bestimmten Inhalt oder einer Situation ein bestimmter Wert zugeschrieben. Während des Fühlens wird von der Person etwas als angenehm angenommen oder als unsympathisch zurückgewiesen. Hilfreich finde ich hier, vom »gefühlsmäßigen Bewerten« zu sprechen. Denn es geht weniger um das Fühlen im Sinne der Grundgefühle oder Emotionen wie Angst, Trauer etc., sondern diese Funktion beurteilt und evaluiert. Die vierte Prozesssteuerungsinstanz ist das »Empfinden«. Der Empfindungstyp orientiert sich mehr an dem, was sich ihm in seinem Erfahrungserleben zu zeigen scheint. Sie oder er beobachtet genau und beachtet subtile Differenzen, die ihr Informationen oder auch geschmackvollen Genuss und Sinnenfreude beim Erleben von Schönheit liefern können.

Die vier Orientierungsfunktionen können den beiden Hälften unseres Gehirns zugeordnet werden. Denken und Empfinden sind der linken Hemisphäre (griechisch: »Halbkugel«), Fühlen und Intuieren der rechten Hirnhälfte zugeordnet.

Wenn wir in unserem Alltag in der Privatwelt oder in der Welt der Organisation unterwegs sind, dann mag es schon auch einmal eine Liebe auf den ersten Blick geben. Aber was auch sehr bedeutsam ist, ist der eigene Blick auf Menschen, Situationen und auf uns selbst. Unser Gehirn reagiert blitzschnell und erstellt eine Wirklichkeitskonstruktion. Es bedient sich dabei den beiden am stärksten ausgebildeten seelischen Funktionen. C. G. Jung hat herausgefunden, dass bei jedem Menschen zwei der insgesamt vier Reaktionsformen im »Schatten« bleiben. Damit ist gemeint, dass die jeweilige Persönlichkeit hier keine optimale (Selbst-) Steuerungskompetenz besitzt. So kann etwa eine »Rechtshemisphärikerin« durch Fühlen eine Entscheidung treffen, die ungünstig ist. Das kann sich beispielsweise so zeigen, dass eine Schulleiterin mit ihrem Kollegium sehr gefühlig und beziehungsorientiert umgeht und irgendwann feststellen muss, dass sie Wesentliches, ganz Praktisches vergessen hat, wie etwa konsequent strukturiertes Vorgehen bei der Konferenzleitung oder Vorsicht beim Gespräch mit dem Hausmeister. Oder ein Lehrer, den man dem Denktypus zuordnen kann, denkt während eines Elterngesprächs in inneren gedanklichen Kategorien und Modellen nach und beide Eltern fühlen sich nicht verstanden, weil sie ihn als Referent einer pädagogischen Theorie – abgehoben – erleben.

Das Potenzial der beteiligten Gruppenmitglieder möchten wir in einer neuen »Supervisionsgruppe für Professionelle aus pädagogischen Berufen« miteinander entfalten.

Mit dem Angebot möchten wir Neuland betreten. Die Gruppe wird von mir theorieunterstützt geführt. Das meint, dass Anliegen der Teilnehmerinnen so bearbeitet werden, dass dabei immer wieder praxisorientierte Theorie-Inputs angeboten werden. Einer der Theorie-Inputs wird dabei das Modell der vier Orientierungsfunktionen nach Carl Gustav Jung sein.

Wir haben unsere Institutskultur weiterentwickelt. Sie können in der neuen Gruppe unsere Resonanzdidaktik kennenlernen.

 

[1]  Um eine Gleichbehandlung beider Geschlechter zu ermöglichen, werde ich die männliche bzw. weibliche Form abwechselnd verwenden.